Keine Angst vor der Revision – Die neue EU-GMP-Dokumentation verständlich erklärt
Keine Angst vor der Revision – wer den Kern der Neuerungen versteht, erkennt: Vieles baut auf Bekanntem auf und schafft vor allem mehr Klarheit und Zukunftsfähigkeit. In diesem Beitrag zeigen wir Ihnen, was sich wirklich geändert hat – und warum Sie keine Sorge haben müssen.
Was ist neu?
Die bisherige Version von Kapitel 4 stammte aus dem Jahr 2011. Seitdem hat sich die Welt der pharmazeutischen Dokumentation stark verändert:
- Digitalisierung ist Standard geworden.
- Cloud-Services, elektronische Signaturen und Prozessautomatisierung sind Alltag.
- Neue Risiken für Datenintegrität sind entstanden.
Die Revision greift genau diese Punkte auf und stellt sie auf ein solides Fundament.
Die wichtigsten Schlagworte – einfach erklärt
Hier ein Überblick über die Begriffe, die viele verunsichern, und was sie wirklich bedeuten:
Data Governance
Das ist nichts anderes als ein Regelwerk, wie Sie mit Daten umgehen – von der Erfassung über die Speicherung bis zur Archivierung. Ziel: Alle Daten müssen korrekt, vollständig und nachvollziehbar sein.
Risikobasierter Ansatz
Nicht alles muss gleich streng geregelt werden. Die Maßnahmen richten sich danach, wie kritisch und gefährdet Ihre Daten sind. Einfache Prozesse brauchen weniger Aufwand als komplexe Systeme.
ALCOA++
Diese Abkürzung steht für:
- Attributable (zuordenbar)
- Legible (lesbar)
- Contemporaneous (zeitnah)
- Original
- Accurate (genau)
- Complete, Consistent, Enduring, Available, Traceable
Kurz: Ihre Daten müssen zuverlässig und prüfbar sein.
Hybrid-Systeme
Ein Mix aus Papier und elektronischen Dokumenten. Die Revision beschreibt genau, wie Sie hier den Überblick behalten und Schnittstellen absichern.
Signaturen
Die neuen Regeln sorgen dafür, dass Unterschriften – egal ob auf Papier oder digital – eindeutig und nachvollziehbar sind.
Was bleibt gleich?
Bei aller Aufregung darf man nicht vergessen: Die Kernidee hat sich nicht verändert.
Dokumentation soll nachweisen, dass Sie GMP-konform arbeiten.
Viele Elemente sind altbekannt.
Spezifikationen, Herstellungsanweisungen, Batch Records und Aufbewahrungsfristen – all das bleibt erhalten.
Es gibt Hilfestellung.
Die Revision beschreibt klar, was gefordert ist. Das Wie können Sie flexibel gestalten – passend zu Ihrem Betrieb.
Vergleich alte Version und der Draft Version
Grundprinzip
- Alte Version (2011): Dokumentation ist Teil des Qualitätssicherungssystems; Fokus auf Lesbarkeit und Nachvollziehbarkeit.
- Neue Version (Konsultationsleitlinie): Gleicher Grundsatz, zusätzlich starke Betonung auf Data Governance, Risikomanagement und ALCOA++.
Data Governance
- Alte Version (2011): Begriff nicht explizit erwähnt.
- Neue Version (Konsultationsleitlinie): Vollständig neues Kapitel zu Data Governance-Systemen: Verantwortung, Überwachung, Kontrolle und Risikobewertung über den gesamten Datenlebenszyklus.
Risikobasierter Ansatz
- Alte Version (2011): Allgemein gefordert, wenig konkretisiert.
- Neue Version (Konsultationsleitlinie): Detailliert beschrieben: Datenkritikalität, Datenrisiko und abgestufte Maßnahmen je nach Risiko (z.B. Prüfintensität).
Dokumentenarten
- Alte Version (2011): Zwei Hauptarten: Anweisungen und Aufzeichnungen; Beispiele wie SOPs, Spezifikationen, Batch Records.
- Neue Version (Konsultationsleitlinie): Gleiche Einteilung, zusätzlich explizite Nennung hybrider Formate, Cloud-Services und KI-gestützter Systeme.
Hybrid-Systeme
- Alte Version (2011): Erwähnt, aber kaum ausgeführt.
- Neue Version (Konsultationsleitlinie): Eigenes Kapitel zu Hybrid-Systemen: Definition, Anforderungen, Schnittstellenkontrollen, Validierung.
Elektronische Systeme
- Alte Version (2011): Erwähnt, Validierung gefordert, Bezug auf Annex 11.
- Neue Version (Konsultationsleitlinie): Detaillierte Anforderungen, z.B. Trendanalyse elektronischer Daten, Backups, Zugriffskontrollen, Compliance zu Annex 11 und Annex 22 (KI).
Datenintegrität (ALCOA++)
- Alte Version (2011): Nicht definiert.
- Neue Version (Konsultationsleitlinie): Vollständig eingeführt: ALCOA++ Prinzipien (Attributable, Legible, Contemporaneous, Original, Accurate, Complete, Consistent, Enduring, Available, Traceable).
Signaturen
- Alte Version (2011): Grundsatz der Signaturpflicht, jedoch keine tiefgehenden Anforderungen.
- Neue Version (Konsultationsleitlinie): Eigener Abschnitt: Signaturpolitik, Zuordnung, rechtliche Bindung, elektronische Signaturen, Vermeidung paralleler Signaturen (Papier/elektronisch).
Erstellung und Lenkung von Dokumenten
- Alte Version (2011): Fokus auf Gestaltung, Genehmigung, Eindeutigkeit und Versionskontrolle.
- Neue Version (Konsultationsleitlinie): Gleiche Anforderungen, zusätzlich detaillierte Vorgaben zu:
- Regelmäßiger Überprüfung
- Nachvollziehbarer Historie
- Formatvorgaben für Datenfelder
- Unterstützung durch Bilder oder Videos
Good Documentation Practices
- Alte Version (2011): Handgeschriebene Einträge leserlich und indelible; Korrekturen mit Initialen, Datum, Grund.
- Neue Version (Konsultationsleitlinie): Deutlich ausgeweitet: Kontrolle blanker Formulare, Authentizität, klare Zuordnung aller Änderungen, Zeitstempel, elektronische Kontrollmechanismen.
Batch-Dokumentation
- Alte Version (2011): Inhalte und Aufbewahrung wie bisher: mindestens 5 Jahre oder 1 Jahr nach Verfalldatum.
- Neue Version (Konsultationsleitlinie): Gleiche Fristen, zusätzliche Anforderungen: digitale Backups, kontrollierte Archivierung, Verantwortlichkeit auch bei ausgelagerten Diensten.
Aufbewahrung und Vernichtung
- Alte Version (2011): Anforderungen an Archivierung beschrieben.
- Neue Version (Konsultationsleitlinie): Erweiterung:
- Nachvollziehbarer Entsorgungsprozess
- Kontrolle von Zugriffsrechten bei Löschung
- Sicherstellung der Datenverfügbarkeit in lesbarer Form
Validierung und Compliance
- Alte Version (2011): Validierung elektronischer Systeme gefordert.
- Neue Version (Konsultationsleitlinie): Validierung noch stärker betont, Integration von KI und automatisierten Scripts muss belegt werden.
Glossar
- Alte Version (2011): Kaum vorhanden.
- Neue Version (Konsultationsleitlinie): Sehr umfangreiches Glossar mit präzisen Definitionen (Data Lifecycle, Data Risk Assessment, Data Ownership etc.).
Schulungsanforderungen
- Alte Version (2011): Indirekt über GMP-Schulungspflicht abgedeckt.
- Neue Version (Konsultationsleitlinie): Betonung der regelmäßigen Schulung zu Datenintegrität, Dokumentationspflichten und Systemverantwortung.
Warum keine Angst nötig ist
Die neuen Anforderungen sind kein Hexenwerk:
Wenn Sie schon heute mit einem dokumentierten Qualitätssystem arbeiten, ist vieles bereits vorhanden.
Das Risikoprinzip gibt Ihnen Spielraum: Nicht jeder Prozess muss maximal aufwendig geregelt sein.
Transparenz und Nachvollziehbarkeit sind ohnehin zentrale GMP-Grundsätze – nur jetzt noch präziser definiert.
Unser Tipp
Sehen Sie die Revision als Chance: Prüfen Sie bestehende Abläufe und Systeme.
Identifizieren Sie kritische Punkte – zum Beispiel unklare Zuständigkeiten oder Lücken bei elektronischen Daten.
Setzen Sie Prioritäten, wo Anpassungen notwendig sind.
So wird die Revision nicht zur Belastung, sondern zum Wegweiser für ein zukunftssicheres Dokumentationssystem.
Fazit:
Keine Angst vor der Revision!
Mit gesundem Menschenverstand, einem klaren Blick auf Ihre Prozesse und etwas Sorgfalt lässt sich Kapitel 4 problemlos umsetzen – zum Vorteil Ihrer Qualitätssicherung und der Sicherheit Ihrer Patienten.
Muster-Checkliste zur Umsetzung der Revision von Kapitel 4 (Dokumentation)
Hinweis: Diese Checkliste ist als Orientierung gedacht. Sie können sie an Ihre Unternehmensgröße, Systeme und Prozesse anpassen.
1️⃣ Allgemeine Vorbereitung
- ✅ Haben Sie die aktuelle Version von Kapitel 4 vollständig gelesen und verstanden?
- ✅ Haben Sie die relevanten Verantwortlichen informiert (Qualitätssicherung, IT, Produktion, QS)?
- ✅ Ist eine Gap-Analyse geplant oder durchgeführt worden?
2️⃣ Data Governance
- ✅ Gibt es ein dokumentiertes Data Governance Konzept, das beschreibt:
- Zuständigkeiten für Datenmanagement?
- Prozesse zur Datenlenkung über den gesamten Lebenszyklus?
- Regeln zur Datensicherheit, Zugriffssteuerung, Backups und Archivierung?
- ✅ Werden Daten regelmäßig geprüft auf:
- Vollständigkeit?
- Konsistenz?
- Nachvollziehbarkeit?
- ✅ Gibt es klare Rollen und Verantwortlichkeiten für Datenintegrität?
3️⃣ Risikomanagement
- ✅ Wurde für alle relevanten Systeme eine Risikobewertung der Daten durchgeführt?
- ✅ Sind Datenkritikalität und Datenrisiko definiert und dokumentiert?
- ✅ Sind Maßnahmen festgelegt, wie Risiken gemindert werden (z.B. zweite Kontrolle, Validierung)?
4️⃣ Hybrid- und elektronische Systeme
- ✅ Haben Sie alle Hybrid-Systeme (Papier + Elektronik) identifiziert?
- ✅ Gibt es eine Beschreibung der Systeme inkl.:
- Komponenten?
- Funktionsweise?
- Schnittstellenkontrollen?
- ✅ Sind alle elektronischen Systeme validiert (gemäß Annex 11)?
- ✅ Gibt es Verfahren zur:
- Versionskontrolle?
- Archivierung?
- Wiederherstellung?
5️⃣ Dokumentationserstellung und -lenkung
- ✅ Sind alle Dokumentenarten im Pharmazeutischen Qualitätssystem beschrieben (z.B. Spezifikationen, Anweisungen, Batch Records)?
- ✅ Sind Erstellungs-, Prüf- und Genehmigungsprozesse dokumentiert?
- ✅ Wird jede Änderung versioniert und mit Historie nachvollziehbar gemacht?
- ✅ Sind Dokumente eindeutig gekennzeichnet und leicht auffindbar?
6️⃣ Good Documentation Practices
- ✅ Gibt es Vorgaben zur Handhabung von Korrekturen (Durchstreichen, Initialen, Datum, Begründung)?
- ✅ Sind Regeln zur Lesbarkeit und Dauerhaftigkeit definiert (z.B. Tintenpflicht, digitale Archivierung)?
- ✅ Werden alle Aufzeichnungen zeitnah (contemporaneous) erstellt?
7️⃣ ALCOA++ Anforderungen
- ✅ Werden Daten nach den Prinzipien ALCOA++ geführt:
- Attributable (zuordenbar)
- Legible (lesbar)
- Contemporaneous (zeitnah)
- Original
- Accurate (genau)
- Complete (vollständig)
- Consistent (konsistent)
- Enduring (dauerhaft)
- Available (verfügbar)
- Traceable (nachvollziehbar)
- ✅ Gibt es Kontrollen, um diese Anforderungen regelmäßig zu überprüfen?
8️⃣ Signaturen
- ✅ Haben Sie eine Signaturen-Policy, die beschreibt:
- Welche Signaturen elektronisch/papierbasiert gelten?
- Wie Signaturen eindeutig Personen zugeordnet werden?
- Wer welche Signaturrechte hat?
- ✅ Gibt es Verfahren, um elektronische Signaturen zu sichern (z.B. Passwörter, Audit Trails)?
9️⃣ Aufbewahrung und Archivierung
- ✅ Sind Aufbewahrungsfristen für alle Dokumente klar definiert?
- ✅ Gibt es Verfahren zur sicheren Archivierung und kontrollierten Vernichtung nach Ablauf der Fristen?
- ✅ Wird die Verfügbarkeit aller Dokumente während der Aufbewahrungszeit gewährleistet?
🔟 Schulung und Awareness
- ✅ Wurden alle Mitarbeiter in den neuen Anforderungen geschult?
- ✅ Gibt es Nachweise der Schulungsteilnahme und Kompetenzbewertung?
- ✅ Werden regelmäßig Auffrischungen durchgeführt?
Tipp:
So nutzen Sie die Checkliste:
- Übertragen Sie die Checkliste in Ihr Qualitätshandbuch.
- Arbeiten Sie Punkt für Punkt ab.
- Haken Sie erledigte Punkte ab und dokumentieren Sie den Fortschritt.
- Legen Sie Verantwortlichkeiten pro Punkt fest.

